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Updated: 1 hour 1 min ago

Sonnenuntergang

Thu, 03/18/2010 - 12:13pm

Funktionen des Journalismus

Wed, 03/17/2010 - 2:53pm

Ich bin kein Journalist und habe keine journalistische Ausbildung. Ich arbeite aber als Teil einer journalistische Unternehmung. Und zwar zu einem der spannendsten Momente in der Geschichte des Journalismus, dem Medienwandel. Da ist es mir mit meiner Ausbildung in analytischer Philosophie ein inneres Bedürfnis, zu verstehen, was das eigentlich ist, dieses Journalismus-Ding.

Hier also ein paar Überlegungen zu den Funktionen des Journalismus.
(Dabei sei darauf hingewiesen, dass Funktionale Erklärungen innerhalb der analytischen Philosophie nicht ganz unumstritten sind. )





Informationelle Grundversorger

Es gibt die mehr oder weniger unausgesprochene These, dass Journalismus für eine Grundversorgung mit Informationen sorgt. Wenn der Papst stirbt, Günther Grass den Nobelpreis bekommt oder meine Kanzlerin einen Gesundheitssystemreform macht, dann sollte man das wissen. Und irgendwie sollte diese Information ja zu mir kommen.

An zwei Stellen habe ich damit so mein Problem. Zum einen stelle ich den implizierten Imperativ in Frage. Was wäre so schlimm daran, wenn ich weder wüßte, dass der Papst gestorben ist, noch dass Günther Grass einen Nobelpreis erhalten hat? Warum überhaupt sollte ich wissen müssen, wer gerade Papst ist und wer Günther Grass ist?

Bei der Gesundheitsreform ist die Sache ähnlich gelagert. Im Unterschied zum Papst und zu Grass geht mich die Gesundheitsreform auch etwas an. Evtl. muss ich mehr Geld zahlen oder in dreieinhalb Jahren mein Kreuz bei der Bundestagswahl woanders machen. Für den Fall, das ich mehr Geld zahlen muss: Das wird mir meine Krankenkasse wohl noch persönlich erzählen. Immer wenn etwas wirklich wichtiges passiert, dass mich persönlich aktiv betrifft, kann ich ziemlich sicher sein, dass ich persönlich informiert werde.

Was die Bundestagswahl betrifft: Bei aller Liebe aber dafür braucht man wirklich keinen Journalismus. Die Roten und Dunkelroten sind für Gerechtigkeit. Die Grünen für Umweltschutz. Die Schwarzen für Wirtschaft und Traditionen. Und die Gelben sind oberflächlich, opportunistisch und geil auf's schnelle Geld. Mehr muss man nicht wissen, um sein Kreuz zu machen. Auf mehr ist da auch nicht verlass.

Also zum Wählen brauche ich wirklich keinen Journalismus.

Ganz abgesehen davon: Wenn ich meinen Blick mal im Geiste über Manifestation 'des Journalismus' in Form langer Zeitungs/Zeitschriften Regale in meinem Supermarkt oder in der Bahnhofsbuchhandlung wandern lasse … dann kann mir keiner sagen, dass das, was ich dort in erster Linie bekomme, etwas mit informationeller Grundversorgung zu tun hat.

Gatekeeper

Diese Gatekeeperfunktion ist ganz ähnlich der, der informationellen Grundversorgung. Auch hier geht es im die Versorgung des Lesers mit Informationen. Sie setzt allerdings vorraus, dass es stets ein Überangebot an Informationen gibt. Der Journalist wählt für mich die 'wirklich' relevanten Inhalte aus.

Das erscheint angesichts des Internets und der steten Ausdiffernzierung der Gesellschaft eine steile These zu sein. Schon heute interessieren mich nur 5% - 10% der Inhalte, die ich von den großen Gatekeeper, ARD, ZDF, Spiegel, Die Zeit (mein Arbeitgeber), Sueddeutsche u.ä. als "die Nachrichten des Tages" geliefert bekomme. Die restlichen 95% sind auch bei kritischer Betrachtung schlicht nicht wichtig. Hier greift immer noch das Selbstbewußtsein der letzten Jahrhunderte des letzten Jahrtausends, das Primat der Politik. Politik sei wichtig. Der Staat sei wichtig. Volkswirtschaft sei wichtig.
Ganz großer Unfug. Das betrachte ich als eine Gedankenwelt, deren Tradition vom Aufsteig der Nationalstaaten, durch die Kolonisierung und die beiden Weltkriege mit den dazugehörgen Staatsdiktaturen bis hin zum kalten Krieg reicht. Sie war nie richtig und ist heute falscher als je zu vor.

Nur haben wir endlich auch das perfekte Werkzeug, um uns diesem Primat zu widersetzen: Das Netz. Mein Gatekeeper ist mein RSS-Reader, ist meine Inbox, sind meine Freunde und Bekannte.

Meinungsmacher

Es ist dies die vielleicht verbreiteste These über die Wirkunsweise des Journalismus. Vermutlich sogar unter Journalisten. Eine der Säulen dieses Mythos ist der Vietnam-Krieg und die Geschichte geht so: Weil soviele Journalisten in Vietnam waren, die allte in die Heimatdokumentiert haben, wie schlimm es da zugeht, ist daheim die Stimmung gegen den Krieg gekipt. Das ist großer Unfug. Kritische Berichterstattung und Meinung sind erst in einem verhältnismäßig späten Stadium des Krieges gekippt und zwar zeitgleich.

Journalismus führt nicht die Meinung einer Gesellschaft, er spiegelt sie nur. Alles andere halte ich inzwischen auch für vermessen. Ich glaube, dass Journalismus-Debatten lostreten kann, die Positionen die die Mehrheit der Bevölkerung dazu hat, beeinflusst er aber nicht. Das gilt im Guten wie im im Schlechten.

Intermezzo

Damit schließe ich jene Funktionen ab, die oft als Funktion des Journalismus ins Feld geführt werden, von mir aber nicht als solche betrachtet werden, und wende mich den – meiner bescheidenen Meinung nach – 'echten' Funktionen des Journalismus zu.

Identitätsbildung

Die Funktion ist mir aufgefallen, seit ich morgen mit all den anderen Festangestellten zur Arbeit fahre. Im Bus die Mopo, die SZ oder die FAZ zu lesen, ist mehr als nur ein private Informationskonsum, der zufällig in der Öffentlichkeit stattfindet. Der Konsum von Journalismus ist, wie viele andere Konsumtätigkeiten auch ein Akt der Identitätserzeugung. Sowie das Tragen von Klamotten bestimmter Marken oder bestimmten Schnitts zur Bildung der Identität und der Kommunikation der Identität nach Außen gehört. So wie der Aufbau einer Musiksammlung und die Präsentation und der Austausch darüber zur Bildung der Identität gehört. Zeitungen sind Marken und wir verwenden sie genauso.

Diese Metaebene ist nicht zu unterschätzen. Als Oberprimaner haben wir die FAZ und ihre Leser leidenschaftlich verachtet und stattdessen Die Zeit oder die taz gelesene. Rückblickend würde ich sagen, dass die eigentlichen Texte darin dabei gar keine so große Rolle gespielt haben, gerade wenn ich mir meine vorherigen Ausführungen hier ansehe. Das fügt sich eigentlich gut ins Bild.

Nachtrag: Sehe gerade, dass Dirk von Gehlen – von dem später noch die Rede sein soll – in die gleiche Kerbe schlägt.

Öffentlichkeit

Gero hat das mal gesagt, dass die Aufgabe des Journalismus die Herstellung von Öffentlichkeit ist. Erst mit den aktuellen Eskapaden unseres Außenministers und seinen postpubertären Reaktionen darauf, hab ich aber verstanden, was er damit meinte. Ich sag's mal so. Wenn ich Westerwelle wäre – was Gott verhindern möge – und aufrichtig der Überzeugung wäre, dass das was ich da tue alles gut ist und so seine Richtigkeit hat. Wenn ich mir nicht nur moral sicher wäre, sondern auch mit Sicherheit wüsste, dass alles was ich getan habe Rechtens ist, und mir keiner was kann, selbst wenn alles ans Licht käme.
Warum sollte es mich dann interessieren, was die Zeitungen schreiben?
Der Grund ist dieser. Ich muss davon ausgehen, dass jeder, den ich treffe gelesen haben könnte, was in dieser Zeitung steht. Und darauf muss ich dann vorbereitet sein, weil ich nicht weiß, wie diese Leute, mit denen ich arbeiten, verhandeln oder einfach nur reden muss, das, was in den Zeitungen geschrieben standen aufgenommen habe, interpretieren und ggf. für oder gegen mich verwenden, oder auch einfach nur zur Sprache bringen. Dann muss ich wissen, was ich sagen soll.

Es gehört zum Wesen des alten Journalismus, dass er gesellschaftsübergreifend ist. Sueddeutsche, Frankfurter Allgemeine, Spiegel und nicht zuletzt auch mein Arbeitgeber, Die Zeit sind Textquellen, die soweit verbreitet sind, dass die Wahrscheinlichkeit, dass eine beliebige Person zumindest eine davon gelesen hat größer ist als, dass er sie alle nicht gelesen hat. Da gilt im kleinere Rahmen übrigens auch für Lokalzeitungen. In meiner Heimatstadt Gütersloh war es wahrscheinlicher, dass jemand, den ich getroffen habe, weiß was in der Neue Westfälischen steht, als dass er es nicht weiß.

Journalismus hat ein Art öffentlichen Text-Kanon definiert.

Unterhaltung

Was bleibt? Wenn ich mir so anschaue, aus welchen Gründen ich journalistische Produkte konsumiere und dabei ganz ehrlich bin, dann kommen in dieser Reihenfolge: Unterhaltung, Zeitvertreib und Neugier. Wobei "Unterhaltung" eine aktive gewählte Form von Unterhaltung meint. Das Lesen der GEO unterhält mich ebenso, wie das Lesen der De:Bug, weil sie über Dinge schreiben, die mich interessierem. "Zeitvertreib" hingegen bekomme ich auch mit dem gedruckten Spiegel oder einer taz hin. Und "Neugier" schließlich veranlaßt mich zum Kauf der Gamestar oder der GEO-Epoche.

Online-Produkte von Verlagen nutze ich praktisch ausschließlich zum Zeitvertreib. Mit viel gutem Willen könnte ich bei vielleicht 20% dieses Konsums noch "berufliche Weiterbildung" ins Feld führen. Aber da bei mir Beruf und Hobby ziemlich zusammenfallen, würde ich den Kram wohl auch lesen, wenn ich eine Frittenschmiede führen würde. Bleibt also Unterhaltung.

Und das würde ich nicht unterschätzen. Ich werde wohl bis in meine Rentenalter weiter GEO-Abonnent bleiben (wenn die sich nicht noch mehr Schnitzer erlauben, wie zur Bundestagswahl) und ich werde auch weiter lustige GEO-Sonderformate kaufen, weil ich weiß, dass ich diesen Journalismus nicht in meinem Feedreader finde. Das gleiche dürfte für die Edge gelten, wenn ich meine Leser richtig verstehe. Es gibt Formen der berichterstattenden Unterhaltung, die nur funktionieren, nur existieren, wenn sie an allen Stellen mit höchsten Qualitätsstandards gemacht werden, wenn sie von Vollprofis gemacht werden. Von professionellen Journalisten und Reportern, von professionellen Photographen und Illustratoren, und von professionellen Gestaltern. Das Medium wird dabei keine Rolle spielen.

Untechnologie

Marcel Weiß ist sich mit dem Guardian einig: Verlage sollen wie Technologieunternehmen funktionieren in Zukunft. Damit wäre technologische Weiterentwicklung der Medien, mit denen man arbeitet, eine weitere Funktion von Journalismus.

Exkurs: Eine Tragikomödie. Wir Web-Menschen haben u.a. ein Mantra: Präsentationsneutralität. Wir guten Webworker sagen: Echte Inhalte haben eine innere Struktur, eine eigene Bedeutung, eine Semantik, die vor jeder Form von Präsentation kommt. Wenn ich diese innere Struktur richtig abbilde, dann spielt es keine Rolle für welches Medium ich meinen Inhalt aufbereite. Dieses Mantra hat uns zu semantischem HTML und dem Semantic Web geführt und es hat uns Cross Media Publishing und Single Source Publishing gebracht. Das bedeutet eigentlich dies: Ihr Journalisten macht eure Inhalte, wir geben denen dann (meinetwegen gemeinsame) jene technische Struktur, die ihre innere Bedeutung abbildet und um die Präsentation in den Endmedien kümmern wir Webmenschen und ein paar Printmenschen sich dann. Wenn wir jetzt hingehen und sagen … "Ja ach … und twittern müsst ihr lieben Journalisten noch, und bloggen und überhaupt versteht ihr das Medium nicht richtig." … dann widersprechen wir uns da schon ein wenig selber.

Und deshalb bin ich nicht der Meinung, dass es Aufgabe des Journalismus ist, Techniken (geschweige denn Technologien) zu entwickeln. Die Funktionen des Journalismus, die ich oben beschrieben habe, haben nichts mit Technologie zu tun. Die Verlage müssen nicht mehr tun, als weiterhin ihre Inhalte verfügbar zu machen. Ich halte es da eher mit Jeff Jarvis, der den Verlagen vorgeschlagen hat, all die teure Technik wegzuwerfen und alles bei Google zu hosten. Was Millionen von Bloggern können, müssten Verlage doch auch können.

Dirk von Gehlen (der sich um jetzt.de kümmert) versucht ein paar Gründe zu finden, warum Journalisten nicht das Los der Stahlarbeiter teilen werden. Zugegeben, die neuen Informations-, Kommunitkations- und Unterhaltungsformen, die wir im Netz entwickelt haben kosten den publizistischen Unternehmungen Aufmerksamkeit und damit die einzige Währung, die in der Branche zählt. Aber meiner bescheidenen Meinung nach, braucht er nicht lange suchen. Denn die "echten" Funktionen des Journalismus, so wie ich sie im Vorangegangenen dargelegt habe – gute Texte, identifikationsstarke Marken, gemeinsame Öffentlichkeit und professionelle Unterhaltung – werden ebensowenig Chinesen wie wir Laien im Netz übernehmen.

BuddhaBot is alive

Wed, 03/17/2010 - 12:57pm

Die älteren meiner Stammleser erinnern sich: Es gab mal eine Zeit in der dieses Blog nicht "anmut und demut" hieß sondern "Buddhabot". Mir war eigentlich schon damals klar, dass der Name zu gut ist, als dass da nicht irgendwann jemand drauf kommt. Und in der Tat tauchte ein gutes Jahr später www.buddhabots.com auf. (Und ist bis heute online.) Die ganze religiöse Konnotation wurde mir dann irgendwann zuviel und ich wechselte den Namen.

Das ändert aber ja nichts daran, dass der Name ganz lustig ist und so war es nur eine Frage der Zeit, bis jemand auch was lustiges damit machen würde. Seit Dezember bringt der BuddhaBot "Frieden und Stille in der Stadt". Zumindest hypothetisch, den Amy Chengs Projekt ist erstmal nur spekulativ. Aber he, 'spekulativ' is what Buddhabot is all about!

Dank geht an Fabian, für den Link und für das Solangedabeisein!

Was macht eigentlich … SVG?

Wed, 03/17/2010 - 12:50pm

SVG war mal eine große Hoffnung. Dann hatte ich es schon für tot gehalten.

Inzwischen in SVG per Default im Firefox und in den Webkit-Browsern drin. SVGraphiken fallen mir allerdings regelmäßig nur auf einer einzigen Seite auf – in der Wikipedia. und jedes Mal, wenn ich in eine SVGraphik reinstolpere denke ich, 'Wie geil!'. Und gestern hab ich mich zum ersten Mal gefragt, warum das eigentlich niemand für Webdesign einsetzt. Alle Welt freut sich riesig über CSS3, aber SVG nutzen nur ein paar Jungs, die Landkarten und Logos für die Wikipedia basteln. Das ist komisch irgendwie.

Randbemerkung: Und wieviel ich damit schon gemacht habe! Heilige Scheiße ist das schon lange her alles. Jungs, langsam aber sicher bekommt das Älterwerden einen komischen Beigeschmack. Zum Glück kann ich mir inzwischen reichlich Whisky und Zigarren leisten, um den Geschmack loszuwerden, wie ich gestern erst woanders bemerkte. So wird das dann jetzt wohl weitergehen, was?

Die Wahrheit ist auf dem Bolzplatz

Wed, 03/17/2010 - 12:36pm

Google Sternchen

Wed, 03/17/2010 - 7:59am

Google hat ein neues kleine Feature, das ich aber höchst bemerkenswert finde, weil es zeigt, wie Google Arbeitet: Webseiten, die ich mit einem "Sternchen" versehen habe, erscheinen in der Google-Suche jetzt ganz oben.

What? Google verwendet die Sternchen bereits in vielen unterscheidlichen Anwendungen. Zuerst hab ich sie glaub'ich in Gmail gesehen. Hier helfen sie mir sehr bei der Strukturierung meiner Inbox. Mehrmals täglich wähle ich mit einem Klick alle Nicht-Sternchen-Mails aus und archiviere sie. Damit bleiben nur noch die wichtigen überig.

Später kamen sie dann im Reader dazu. Hier hab ich sie benutze ich sie ganz ähnlich. Artikel, die ich zu lang sind, um sie sofort zu lesen, oder die so brillant sind, dass ich sie ziemlich sicher später nochmal brauche bekommen ein Sternchen.

In Chrome ist das Sternchen neben der Adressleiste der Button dafür, dass ich ein Lesezeichen setzen möchte. Und wenn ich auf einer Seite bin, die sich in meinen Lesezeichen befindet, leuchtet es gelb.

In Google Bookmarks – das ich (noch) nicht nutze – gibt es diese Funktion ebenfalls. Das kuhle daran: Wenn man in Notizen zum Lesezeichen etwas einträgt, werden die Lesezeichen bei Googlesuchen nach diesen Begriffen berücksichtigt und entsprechend angezeigt.

Ganz langsam fügt Google zusammen, was zusammen gehört.

"Wir verblöden …"

Tue, 03/16/2010 - 4:18pm

"Wir verblöden, verarmen und sterben alsbald aus."

berichtet die Chefarztfrau, sich mal wieder selbst übertreffend, aus der spektakulären Gedankenwelt Gunnar Heinsohn … jaja … der gute alte frankfurter allgemeine Untergang des Abendlandes … ich hatte doch glatt schon wieder vergessen, warum wir als Oberprimaner die FAZ und ihre Leser so leidenschaftlich verachtet haben.

Guido von Bödefeld-Westerwelle

Tue, 03/16/2010 - 3:59pm

"Guido Westerwelle — Gustav Gans im Aussehen, Herr von Bödefeld im Geiste."

Goncourt via Ligne Claire

Eben auf dem Weg nach Hause fiel mir der Vergleich wieder ein und ich musst laut auf der dunklen Straße lachen und den Rest des Weges kichern.

Die Wikipedia weiß für alle mit der Gnade der späten Geburt oder der Gnade des frühen Vergessenes zu berichten …

"Herr von Bödefeld legte stets Wert darauf, gesiezt und mit von angesprochen zu werden („Soviel Zeit muss sein!“). Oft war er für die spezifischen Probleme der übrigen Figuren verantwortlich. Affektiertes Sprechen und Gebaren wie ständiges Haare-Zurückstreichen, eitles Kopf-in-den-Nackenlegen bewirkten eine gewollt negative Konnotation. Die Puppe besaß eine blassrosa Farbe, eine Art Nasenbärschnauze, eine orangefarbene Rastafrisur und dürre Ärmchen zum korpulenten Körper.

Im Aufmacherbild sieht man ihn überigens in der sozialen Hängematte liegen. Einer der Lieblingsorte von Herrn von Bödefeld.

Ultra

Tue, 03/16/2010 - 3:17pm

Samstag haben Hertha Fans in Berlin nach dem verlorenen Spiel das Olympiastadion zerlegt. Sowas ist latürnich doof. Da bekommen die Spieler Angst, der Manager weint und viele andere Fans finden das auch nicht witzig.

Aber. Es passieren Dinge im Fussball, die selbst mir aufgefallen sind. Und zwar schon vor einer ganzen Weile. 2004 hatte ich eine unschöne Zugfahrt mit Fans von Borussia Möchengladbach. Die Stammleser erinnern sich. In dem Zusammenhang hatte ich auch mit den sehr freundlichen Borussia Mönchengladbach Ultras zu tun und habe überhaupt von der Ultra-Bewegung erfahren.

Und so stellt mein Arbeitgeber Zeit Online jetzt in den Raum, dass die Krawalle vom Samstag auch auf die Ultras zurückzuführen sind. Das ist nicht ganz unwahrscheinlich. Schon vor sechs Jahren hatte ich großes Verständnis für die Ziele und Wünsch der Ultras. Und ich sag's mal so: Selbst ich, der ich praktisch nichts mit Fussball zu tun habe, kann sehen, dass sich niemand ihrer Wünsch angenommen hat. Im Gegenteil. Ich würde sagen eher ist es noch schlimmer geworden. Viel schlimmer.

Warum ich diesen Artikel aber überhaupt schreibe ist dies: Ich glaube, die Ultras gehen uns nur voran. Das letzte Jahrzehnt hat die Kommerzialisierung fast aller Lebensbereiche erlebt. Das bedeutet nicht nur, dass ein Samstagnachmittag im Stadion inzwischen unter Eventmanagement fällt und für Hatz IV Empfänger wohl kaum zu bezahlen ist. Es ist auch eine Perspektive, die sich auf vielzuviele Lebensbereiche erstreckt hat. Es dreht sich um Geld und Gewinne, um Optimierung und Evaluation, um Karriere und Profite. Und ich wundere mich gar nicht, dass die Ultras als erste zu den Knüpeln greifen. Wenige Dinge in dieser Republik sind noch sinnstiftender als Fußball. Und wenige Dinge sind inzwischen noch kommerzialisierter als Fußball.

Wundern tue ich mich, dass nicht längst andere zu Knüpel greifen. Groß genug müßt die Wut langsam sein und täglich gibt es mehr Anlass zur Wut.

Nebenbei: Ich glaube, wenn ich mich für Fußball interessieren würde, würde ich Samstags lieber auf der Russheide stehen als auf der Alm.
Andererseits: In einem Universum, in dem ich mich für Fussball interessieren würde, hätte ohnehin ein paar merkwürdige, grundsätzlich andere Kulturgesetze – da kann man wohl kaum vorhersagen, in welcher Fanliebe sich sowas dann niederschlägt.

Tocotronic in der großen Freiheit

Tue, 03/16/2010 - 1:56pm

Ich war ja Samstag mit meinem Mitbewohner und Thomas auf dem Tocotronic Konzert in der großen Freiheit fast präzise fünf Jahre nach dem ich sie mit den gleichen Freunden dort schon mal gesehen habe. Schon seit Pure Vernungt darf niemals siegen ist klar: Tocotronic werden uns begleiten ins Älterwerden. Und so besteht so eine Live-Konzert, so intensiv es im Augenblick auch sein mag, immer auch aus Vergangenheit.

Schon vor dem Konzert hab ich mit meinem Mitbewohner drüber gesprochen, dass das komisch ist, jetzt in Hamburg zu wohnen. Damals in den späten 90er, als wir noch nicht in Hamburg lebten und die Jungs von der Hamburger Schulen singen hörten, da haben wir uns ein Hamburg vorgestellt. Ein Hamburg, voller Sportjacken- und langem Scheitelträger. Voll dunkler Klassenräume und Bier im Bus nach Bahrenfeld. Ein melancholisch-alternatives Hamburg. Wie es immer so ist. Die Realität sieht heute anders aus, was auch daran liegen mag, dass sich Hamburg in den letzten 10 Jahren verändert hat.

Nichtsdestotrotz ist diese Idee von einer Stadt immer noch da, wenn man mit 1000 Leute im flachen Saal der Großen Freiheit steht und "Jenseits des Kanals" gespielt wird. Man sieht es am Grinsen der Gesichter. Und man kann das gleiche Gefühl auch von der Setlist ablesen. Nicht einmal die Hälfte der Stücke war vom aktuellen Album und ich würde schätzen sogar mindestens ein Drittel nicht aus diesem Jahrzehnt. Gleichzeitig haben die Jungs ihre alten Titel neu interpretiert. Dirk von Lowtzows Gesang hat auch bei den alten Songs, jene Eigenschaften, die wir erst von den letzten drei Alben kennen, wie bspw. ein langezogenen "Let there be Roooock".

Inzwischen ist Tocotronic eine der ältesten Konstanten in meinem Leben. Viele andere Bands, Filme, Bücher, Bekannte und selbst ehem. Freunde, Lebensweisen und Lebenskonzepte verstauben längst. Älterwerden ist eine komische Sache. Die Bedeutung und das Gewicht, das Dinge haben verschiebt sich merkwürdig … *grübel* … ich sag's mal anders … während des Konzertes dachte ich so bei mir … 'Du hast Dein Leben auch schon mal tocotronicesquer gelebt … Du warst schonmal durchdrungener von diesem Denken und von der Sprache … das hatte mal mehr Einfluss, mehr handlungskoordinierende Kraft für Dich'.

Im Blick zurück entsteh'n die Dinge.

swo'n'swo

Tue, 03/16/2010 - 11:18am

Etwas ganz besonderes aus dem Feedreader gefischt. Sword & Sworcery von den Superbrothers. Das Spiel sieht aus, wie eine Mischung aus Space Quest (dank der Pixelage und dem fixen Szenenbildern) und Shadow of the Colossus (dank der Farbgebung und der mythischen Athmosphäre).
Was für eine elektrisierende Kombination.





Wenn das Spiel hält, was die Videos versprechen, ist es meiner bescheidenen Meinung an der Zeit, das Iphone und das Ipad als Spieleplattform neu zu evaluieren.

Zwei Hundeblicke

Tue, 03/16/2010 - 9:35am

Eintausend Söhne

Tue, 03/16/2010 - 7:39am

Ich bin mit meiner absurden Begeisterung für Warhammer 40.000 nicht alleine. "A Thousand Sons" – der zwölfte Band der gewaltigen Horus Heresy Romanreihe, ist auf Platz 22 in die New York Times Bestsellerliste "Paperback Mass-Market Fiction" eingestiegen, als erste Publikation der Black Library überhaupt. Tausende Nerds.

SelfHTML Zwei Punkt Null

Tue, 03/16/2010 - 2:26am

SelfHTML … oh mein Gott … SelfHTML begleitet mich schon länger hier im Netz also wohl sonst irgendwas. Ich hatte noch ein 56K Modem als ich anfing SelfHTML zu nutzen und war umso dankbarer für die Download-Version. Ich habe Hoster, Domains, Nicknames, Email-Adressen Projekte, Arbeitgeber, Browser, Betriebssysteme und Editoren gewechselt seither. Aber bei Self-HTML schaue ich immer noch nach, wenn ich wissen will, wie was geht.

Ich hab SelfHTML sogar in der Lehre eingesetzt und Leuten damit ihr erstes HTML und die Grundlagen des Netzes und der Texttechnologie beigebracht. Die Einführung ist heute immer genauso großartig. Und eigentlich sollte ich vor jedem Gespräche mit anderen "Profis" über das Internet vorher fragen, ob sie das gelesen haben und wenn nicht, einfach sagen, dass man sich nach der Lektüre gerne wieder unterhalten könne. Darin stehen noch immer die Grundlagen unserer Arbeit.

Jetzt also gibt es SelfHTML als Wiki und wiki.selfhtml.org. Ich bin noch nicht so sicher, wie famos ich die Idee finden soll und wie groß der praktische Nutzen wird. Aber es wird sicher großartig.

Nebenbei: Will sich nicht mal jemand erbarmen und das Logo in eine Vektorgraphik verwandeln?

via Codecandies

Kurz bevor ich auflege, schäm ich mich

Sat, 03/13/2010 - 4:27pm

Die Folter endet nie

Sat, 03/13/2010 - 2:58pm

Public Enemies

Sat, 03/13/2010 - 7:21am

Ein paar von Michael Manns Filmen gehören zum Besten überhaupt. Collateral ist großartig und Heat ist schon heute eine Legende. Meinen Erwartungen an Publich Enemies wurden noch dadurch in die Höhe geschraubt, dass Johnny Depp und Christian Bale Pro- und Antagonist sein durften.

Leider waren Drehbuch, Film und seine Hauptfiguren erschreckend blutleer. Mit erschrecken musste ich feststellen, wie zum Schluß sogar Stephen Lang die beiden Jungs an die Wand gespielt hat. Stephen Lang. Fuck.

Zwei Szenen fand ich überdies doch bemerkenswert. Zum einen gibt es die Szene mit Johnny Depp und Marion Cotillard am Strand. Schuß, Gegenschuß, Großaufnahme, starke Kontraste. Hier sieht Johnny Depp zum ersten Mal richtig alt aus. Ich habe ich zum ersten Mal eine Ahnung davon bekommen, wie Johnny Depp in den nächsten Jahren aussehen wird. Prächtig.

Exkurs: Mit dem in OS X eingebauten Screenshot-Tool kann man neuerdings keine Screenshots mehr von geliehenen Itunes Filmen machen. Was für eine dreckige Scheiße ist das denn, bitte? Musste mir doch glatt erstmal eine Capture Me runterladen, um dieses Bild machen zu können. So ein Frott!

Und dann ist latürnich die Szene wichtig, in der John Dillinger aus einer Laune heraus spontan ins Polzeipräsidium spaziert, direkt in die Büros der "Dillinger Squad", sich in aller Seelenruhe umsieht und sogar mit den Detectives über Baseball spricht und dann Büros und Präsidium völlig unerkannt und unbehelligt verlässt. Das war eine sehr starke Szene, nicht nur, weil Dillinger so tolldreist war. Es ist ein schönes und komprimiertes Bild für die Konfrontation mit der eigenen Biographie und der Tatsache, dass einen die eigenen Vergangenheit verfolgt. Immer.

Firefox vs. Chrome

Sat, 03/13/2010 - 6:39am

Seitdem wir auf der Arbeit inzwischen Google Apps einsetzen, habe ich stets zwei Browser im Einsatz. Firefox für die Arbeit und Chrome für Privates. Das ist eigentlich schon alleine wegen der Lesezeichenleiste nötig. Firefox ist als Arbeitsbrowser für Webentwickler deutlich besser geeignet. Für die Webdeveloper Toolbar von Chris Pederick und den Firebug gibt es schlicht noch kein Äquivalent unter Chrome.

So ganz zufrieden war ich damit die ganze Zeit nicht. Zum einen war ich eh noch nie der Multi-Browsertyp. Eigentlich bin ich überhauptnicht der Mulit-Anwendung-für-den-gleichen-Zweck Typ. Früher hab ich erst alles mit dem Weaverslave entwickelt, dann alles mit dem Zend Studio und jetzt mach ich alles mit dem Textmate. Keine Ausnahme. PHP, HTML, CSS, XSLT … alles Textmate. Ich höre alle meine Musik mit Itunes und schaue meine Filme mit VLC. Whatever …

Gestern kam der Firefox 3.6 bei mir an. Nicht dass der beeindruckende neue Funktionen hätte. Personas sind witzig, besonders als Plugin, weil ich mein Chrome (nicht verwechseln mit dem Browser!) jetzt endlich so aussehen lassen kann, wie ich möchte. Sehr ordentlich. Trotzdem war das irgendwie ein Anlass mein Mehr-Browser-Praxis zu überdenken … noch ohne Ergebnis … Ratschläge sind willkommen.

Fick Dich, Pisser!

Fri, 03/12/2010 - 5:57am

Dass die FDP nicht mit den hellsten Köpfen der bundesdeutschen Politikerkaste gesegnet ist, ist seit jeher klar. Dass man dort der persönlichen Gier näher steht als altruistischer Vernunft, liegt im Wesen des Neoliberalismus. Und wo wir gerade davon sprechen: Dass man in der FPD vergessen ( oder möglicherweise sogar nie gewusst) hat, was Liberalismus einmal bedeutet hat und wofür er eingetreten ist, das ist bedauerlich, ergibt sich aber ziemlich zwingend aus den ersten beiden Punkten dieser Ausführung. Selbst daran, dass man dort Korruption als Selbstverständlichkeit betrachtet, habe ich mich langsam gewöhnt.

Aber dass die freiheitlichen Schwestern und Brüder jetzt, da sie unter ein bisken Druck geraten so vollständig panisch ausrasten … da muss ich mich der Chefarztfrau schon anschließen … das freut mich auch ein wenig, offenbart es doch den Kindergarten, der da Regierungspartie spielt.

Neuwahlen! Jetzt!

 
 

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